Brief an Laudenbacher Zukunft
Auf vielfachen Wunsch aus der Bevölkerung finden Sie im Folgenden den Brief, den Bürgermeister Benjamin Köpfle für den Zeitkapsel-Gottesdienst der evangelischen Kirchengemeinde verfasst hat. Der Rathauschef blickt in dem Schreiben auf das Zeitgeschehen während seiner bisherigen Amtszeit zurück und wendet sich an zukünftige Generationen. Der Brief ist zusammen mit weiteren Dokumenten im Boden hinter dem Altar eingelassen worden.
Brief für die Zeitkapsel der Evangelischen Kirchengemeinde
Laudenbach, den 12. April 2026
Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger,
wenn Sie diese Zeilen lesen, wird die Welt eine andere sein als die, in der ich sie schreibe. Vielleicht werden Ihnen manche Ereignisse, von denen ich berichte, fern erscheinen. Vielleicht werden Sie staunen über das, was uns in diesen Jahren bewegt, belastet und zugleich zusammengeschweißt hat. Vielleicht werden Sie aber auch manches wiedererkennen, denn jede Zeit kennt ihre eigenen Prüfungen und jede Gemeinschaft steht immer wieder vor der Frage, was sie im Innersten zusammenhält.
Ich schreibe diesen Brief als Bürgermeister der Gemeinde Laudenbach für den Zeitraum der letzten Jahre, meine Amtszeit begann im Jahr 2020.
Jede Zeit hat ihre eigenen Herausforderungen und aus Sicht von politisch Verantwortlichen ist es meist die aktuelle, die am schwierigsten ist. Dem ist natürlich nicht so wie uns die Geschichte lehrt, die unter anderem von zwei furchtbaren Weltkriegen berichten kann. Trotzdem möchte ich sagen, dass es Jahre waren, die uns in Laudenbach einer enormen Intensität gefordert haben, die weit über das normale Maß hinaus gehen. Und doch waren es zugleich Jahre, in denen sich mit großer Klarheit gezeigt hat, was eine Gemeinde tragen kann: Zusammenhalt, Verantwortungsbewusstsein, Bürgersinn und die Bereitschaft, auch in schwierigen Zeiten nicht zuerst auf das Trennende, sondern auf das Verbindende zu schauen.
Als ich mein Amt antrat, ahnte niemand, dass nur kurze Zeit später eine weltweite Pandemie das öffentliche und private Leben in einem bis dahin kaum vorstellbaren Ausmaß verändern würde. Die Corona-Pandemie hat auch Laudenbach tief geprägt. Sie hat Familien belastet, Kinder und Jugendliche eingeschränkt, ältere Menschen verunsichert und das gesellschaftliche Leben zeitweise beinahe zum Stillstand gebracht. Vieles, was unser Dorf sonst ausmacht – Begegnungen, Feste, Vereinsleben, persönliche Nähe – war plötzlich nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr möglich. Die Verwaltung, die Kindertagesstätten, die Schule und viele weitere Bereiche standen unter enormem Druck. Gleichzeitig musste das Gemeinwesen funktionieren. In dieser Zeit waren Krisenmanagement, Notbetreuung, Informationspolitik und die Aufrechterhaltung der kommunalen Handlungsfähigkeit zentrale Aufgaben.
Was mir aus dieser ersten Phase meiner Amtszeit besonders in Erinnerung bleibt, ist jedoch nicht in erster Linie die Belastung, sondern die Haltung der Menschen. In Laudenbach wurde nicht nur verwaltet, organisiert und reagiert – in Laudenbach wurde mitgedacht, geholfen und Verantwortung übernommen. Ehrenamtliche unterstützten ältere Mitbürgerinnen und Mitbürger bei der Impfterminbuchung, Vor-Ort-Impfungen wurden ermöglicht, Testangebote für Kinder und Familien geschaffen, und trotz aller Einschränkungen blieb das Bewusstsein erhalten, dass man füreinander da ist. Diese Bereitschaft, in schwierigen Zeiten füreinander einzustehen, war kein Nebenaspekt. Sie war das eigentliche Fundament, auf dem wir diese Monate bewältigt haben.
Kaum schien die Pandemie überwunden, folgte mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine die nächste tiefe Erschütterung. Krieg in Europa, Flucht, Unsicherheit, Energieknappheit, Inflation – Begriffe, die für viele Menschen jahrzehntelang weit weg schienen, prägten plötzlich den Alltag auch in unserer Gemeinde. Erneut waren Verwaltung und Bürgerschaft gefordert. Es ging um die Unterbringung und Betreuung Geflüchteter, um Fragen der Versorgung, um Energiesparmaßnahmen, um zusätzliche Belastungen in Kitas und Schulen und um die immer schwieriger werdende finanzielle Lage der Kommunen. Doch erneut zeigte sich in Laudenbach etwas, das mich bis heute mit großer Dankbarkeit erfüllt: die beeindruckende Hilfsbereitschaft der Bürgerschaft. Viele Menschen stellten Wohnraum zur Verfügung, nahmen Schutzsuchende auf oder unterstützten Hilfsaktionen. Aus Sorge wurde tätige Solidarität. Aus Betroffenheit wurde konkrete Hilfe.
Auch in den Jahren danach riss die Kette der Herausforderungen nicht ab. Die Folgen der Kriege, die Unsicherheit der wirtschaftlichen Entwicklung, stark steigende Bau-, Energie- und Personalkosten sowie eine immer kritischere Lage der kommunalen Finanzen prägten unsere Arbeit. Viele Städte und Gemeinden gerieten unter massiven Druck. Auch wir in Laudenbach mussten erleben, dass immer mehr Aufgaben übertragen werden, ohne dass deren Finanzierung in gleichem Maße gesichert ist. Verwaltung in diesen Jahren bedeutete daher nicht nur, Projekte zu gestalten, sondern oft auch, Grenzen des Leistbaren klar zu benennen und dennoch handlungsfähig zu bleiben.
Erst vor wenigen Wochen hat ein Großbrand unserer Bergstraßenhalle, die Heimat unseres Vereins- und Kulturlebens, fast vollständig zerstört. Wenige Tage bevor der Gemeinderat eine Kernsanierung des Gebäudes für 14 Millionen Euro (inklusive einer Rekordfördersumme des Bundes von 6 Millionen Euro) auf den Weg bringen wollte, brannte die Halle nach einer Brandstiftung lichterloh. Doch auch diese Krise hat die Laudenbacher nicht gebrochen. Über 150 Einsatzkräfte aus der Region bekämpften die Flammen, zenthausende Euro wurden in den Folgetagen gespendet, Vereine und Kommunen der Region boten ihre Hallen als Spiel- und Übungsstätten für unsere Vereine an und in der Verwaltung arbeiten wir bereits Tag für Tag mit vollem Eifer an der Planung für den Wiederaufbau unserer Halle!
Denn, es wäre völlig falsch, die aktuelle Zeit nur als Abfolge von Krisen zu beschreiben. Denn das Entscheidende ist: Laudenbach hat sich trotz all dieser Herausforderungen positiv entwickelt. Gerade unter schwierigen Bedingungen ist es gelungen, unsere Gemeinde sichtbar weiter voranzubringen. Darauf bin ich nicht allein als Bürgermeister stolz; darauf können Verwaltung, Gemeinderat und vor allem die Bürgerinnen und Bürger gemeinsam stolz sein.
Diese positive Entwicklung zeigt sich zum einen in ganz konkreten Projekten und Investitionen. In den letzten Jahren wurden zahlreiche Vorhaben angestoßen, beschlossen, umgesetzt oder entscheidend vorangebracht: die Neugestaltung des Rathausumfelds und des Anton-Praetorius-Platzes, die Entwicklung des Schillerplatzes, die Sanierung des Bahnhofsumfelds, die Erschließung des Neubaugebiets Kisselfließ II, die Sanierung von Straßen, die Verbesserung der Wasserversorgung, der flächendeckende Glasfaserausbau und die zunehmende Digitalisierung, neue Mobilitätsangebote, unzählige Maßnahmen im Klimaschutz, Investitionen in Spielplätze, den Friedhof und in die Kinderbetreuung zum Beispiel mit dem neuen Waldkindergarten sowie wichtige Weichenstellungen für die Zukunft unserer Sport- und Gemeindeeinrichtungen wie der Kernsanierung des Sportplatzgebäudes.
Hinzu kommt aktuell die Entwicklung des ehemaligen Nettos am Südring, den die Gemeinde zu diesem Zweck erworben hat und nicht zuletzt der Einsatz für die hausärztliche Versorgung vor Ort.
Dieser kurze Abriss über nur einige wenige Projekte der letzten Zeit steht beispielhaft für eine Gemeinde, die auch in finanziell und gesellschaftlich schwierigen Zeiten nicht stehen geblieben ist.
Mindestens ebenso wichtig wie bauliche Maßnahmen ist aber etwas anderes: die Qualität des Miteinanders. Denn eine Gemeinde lebt nicht von Pflastersteinen, Kabeln, Beschlüssen und Haushaltszahlen allein. Sie lebt von Menschen, die sich einbringen, Verantwortung übernehmen und bereit sind, Gemeinschaft zu gestalten. Wenn ich an Laudenbach in diesen Jahren denke, dann denke ich an unsere Vereine, unsere Feuerwehr, unsere sozialen Organisationen, unsere Partnerschaftsausschüsse, den Jugendgemeinderat, die vielen Ehrenamtlichen und an all jene, die oft ohne großes Aufheben einen Beitrag leisten. Gerade in einer Zeit, in der vieles in der Welt unübersichtlicher, härter und oft auch lauter geworden ist, war und ist dieses Ehrenamt das ruhige, tragende Fundament unseres Gemeindelebens.
Besonders hervorheben möchte ich dabei auch den Mut, in unserer Gemeinde an Beteiligung festzuhalten. Bürgerbeteiligung war in meiner Amtszeit kein bloßes Schlagwort. Ob bei der Entwicklung des Schillerplatzes, bei Klimaschutzfragen, bei Fußverkehr, bei Jugendthemen oder im alltäglichen Austausch: Mir war und ist wichtig, dass kommunale Politik nicht über die Menschen hinweg, sondern mit ihnen gemeinsam gestaltet wird. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Spannungen und wachsender Distanz zur Politik ist diese Nähe ein hohes Gut. Die Gemeinde ist der Ort, an dem Demokratie konkret erfahrbar bleibt – sachlich, nahbar, lösungsorientiert und mit unmittelbarer Wirkung auf das tägliche Leben. Dass in Laudenbach am Ratstisch und in der Bürgerschaft konstruktiv und respektvoll zusammengearbeitet wurde, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein großer Wert.
Wenn Menschen in der Zukunft diesen Brief lesen, sollen sie deshalb nicht nur erfahren, mit welchen Krisen wir zu kämpfen hatten. Sie sollen vor allem wissen, wie wir darauf reagiert haben. Nicht mit Resignation, nicht mit Gleichgültigkeit und nicht mit dem Rückzug ins Private allein. Sondern mit dem festen Willen, unsere Gemeinde als Ort des Zusammenhalts zu bewahren und weiterzuentwickeln.
Laudenbach hat in diesen Jahren gezeigt, dass positive Entwicklung nicht bedeutet, frei von Problemen zu sein. Positive Entwicklung bedeutet vielmehr, Herausforderungen anzunehmen, Prioritäten zu setzen, geduldig zu bleiben und sich nicht entmutigen zu lassen. Es bedeutet, dass eine Dorfgemeinschaft auch dann an sich glaubt, wenn die äußeren Umstände schwierig sind. Es bedeutet, dass man trotz Pandemie, Krieg, Energiekrise und finanzieller Engpässe nicht den Kopf senkt, sondern Schritt für Schritt weitergeht. Genau das ist in Laudenbach geschehen.
Vielleicht wird man eines Tages auf diese Jahre zurückblicken und vor allem die großen Krisen nennen. Ich hoffe jedoch, dass man ebenso sagen wird: Gerade in diesen Jahren hat sich gezeigt, was diese Gemeinde ausmacht. Dass sie zusammensteht. Dass sie mit Augenmaß handelt. Dass sie sich nicht auseinanderdividieren lässt. Dass sie an ihrer Zukunft arbeitet, auch wenn die Gegenwart schwierig ist. Und dass sie ihre Menschlichkeit nicht verliert.
Für mich persönlich ist das der eigentliche Kern der letzten Jahre. Nicht nur das, was gebaut, beschlossen oder angeschoben wurde, sondern die Erfahrung, dass Laudenbach auch in schweren Zeiten ein verlässliches Gemeinwesen geblieben ist. Eine Gemeinde, in der Verantwortung übernommen wird. Eine Gemeinde, in der Ehrenamt nicht altmodisch, sondern lebensnotwendig ist. Eine Gemeinde, in der Fortschritt und Zusammenhalt keine Gegensätze sind. Und eine Gemeinde, die allen Herausforderungen zum Trotz ihren freundlichen, offenen und lebenswerten Charakter bewahrt hat.
An die Menschen, die diesen Brief in einer anderen Zeit lesen, möchte ich deshalb nur einen Wunsch weitergeben: Bewahren Sie dieses Miteinander. Pflegen Sie das, was Gemeinschaft stiftet. Nehmen Sie die Demokratie vor Ort ernst. Schätzen Sie das Ehrenamt. Verlieren Sie bei allen technischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Veränderungen nie aus dem Blick, dass eine Gemeinde immer zuerst aus Menschen besteht, die füreinander Verantwortung tragen.
Wenn uns die letzten Jahre etwas gelehrt haben, dann dies: Der wahre Reichtum einer Gemeinde liegt nicht allein in Zahlen, Gebäuden oder Förderbescheiden. Er liegt im Zusammenhalt ihrer Menschen.
Mit Zuversicht und in großer Dankbarkeit für unsere Gemeinde
Benjamin Köpfle
Bürgermeister